Die beiden Dokumentationen der Reihe "Zivilisierte Wildnis" sind die ersten langen Filme dieses Genres,
die ich als Autorin umgesetzt habe. Neben den damit einhergehenden neuen beruflichen Herausforderungen
war die Arbeit an den Filmen vor allem geprägt von einer mich stark beschäftigenden Frage: Was bedeuten
Flüsse heute für unseren Alltag? Bisher waren die großen Ströme Europas für mich - wie wohl für viele
andere - immer nur etwas, das man mit dem Auto oder Zug überquert, im besten Fall noch im Rahmen eines
Wochenendausfluges besucht. Doch während der Dreharbeiten zu "Zivilisierte Wildnis" lernte ich Menschen
kennen, deren Leben auf das Engste mit einem Fluss verknüpft ist. Hoch- und Niedrigwasser erleben sie
nicht aus dem Fernsehen, sondern vor der eigenen Haustür - für mich eine ganz fremde Verbundenheit,
die doch noch vor wenigen Jahrhunderten so viele menschliche Siedlungen betraf.
Dass das Zusammenleben mit einem großen Strom nicht nur Alltag und Kultur der dort lebenden
Menschen beeinflusst, sondern in gewissem Sinne auch ihre Charakterzüge, lernte ich schnell:
Das Vertrauen eines Bauern in Kroatien gewannen wir erst, als unser Wagen dank der steinhart
getrockneten Flussweiden genau vor seiner Hofeinfahrt den Geist aufgab. Vereint durch eine
kritische Untersuchung des Autos, mitten auf seinem hundert Jahre alten Hof, stand er dem deutschen
Filmteam plötzlich nicht mehr ganz so misstrauisch gegenüber, wie noch kurz zuvor. Erst nach diesem
Erlebnis führte er uns zu einer Turopolje-Muttersau, mitten im Flusswald, und ihren Ferkeln, die
erst wenige Tage alt waren. Ein paar Meter weiter sahen wir die bei uns so selten gewordene Zwergdrommel
in einer Wasserlache, die von der letzten Flut der Save im Frühjahr geblieben war.
An der Elbe sollte ich mit dem Jeep von Jürgen Niederhoff über die Flussweide kreuzen, um die Herde an
das andere Ende der Wiese hin zum Fangstand zu locken. Der Landwirt marschierte einige Meter vorweg,
die Tiere waren fixiert auf das Auto, in dem sie Futter vermuteten - also volles Tempo nach vorn und
ein unvergesslicher Blick in den Rückspiegel: Galoppierende Heckrinder hinter mir, rechts und links
vom Wagen drängelten Konikpferde mit ihren Mäulern in den Jeep. Ein unvermutetes Stück wilder Westen,
mitten in Deutschland.
Die Flussauen in Kroatien sind ebenso wenig unberührte Naturlandschaft, wie das Gebiet um die Elbe
in Deutschland. Kultiviert von Landwirten, entstand jedoch an beiden Flüssen ein faszinierender
Lebensraum. Uralte Bäume, weite Feuchtwiesen, selten gewordene Tier- und Pflanzenarten, Menschen mit
Visionen und einer mir neuen Verbundenheit mit der Natur - diese Erlebnisse haben meinen Blick auf
die Flüsse Europas von Grund auf verändert.